ELSA-Frankfurt (Oder) Viadrina International Law Conference on The Middle East Conflict 2010

Posted on August 12, 2010

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Offener Brief

Sehr geehrte Organisator/innen der Europan Law Student Association (ELSA),

wir beziehen uns auf die öffentliche Ankündigung für den am 12.08.2010 stattfindenden Vortrag des israelischen Botschafters zum Thema „Possible Reactions of a State of Law on Missile and Suicide Bombing Terror“ im Rahmen der International Law Conference on The Middle East Conflict vom 09. bis 14. August 2010 in Frankfurt/Oder.

In Übereinstimmung mit der internationalen Kampagne zum Boykott israelischer Institutionen, die sich nicht explizit gegen die völkerrechtswidrige Politik Israels positionieren, fordern wir Sie mit diesem Schreiben auf, den israelischen Botschafter auszuladen. Im Folgenden möchten wir unsere Forderung anhand der mit Ihrer Einladung verbundenen Problematik verdeutlichen.

Der Botschafter ist eingeladen, die Positionen eines Staates vorzutragen, der offenkundig, systematisch und weit verbreitet gegen geltendes Völkerrecht und gegen die Menschenrechte verstößt:

  • ELSA lädt den Botschafter eines Staates ein, der eine seit 43 Jahren andauernde völkerrechtswidrige Besatzung zu verantworten hat. Israel verletzt Art. 53 IV. Genfer Konvention, indem es keine ausreichende medizinische und ernährende Versorgung der Bevölkerung der besetzten Gebiete sichert, bewegliches und unbewegliches Vermögen zerstört (Art. 55 IV. Genfer Konvention) und Land für Siedlungs-, Straßen- und Mauerbau konfisziert und annektiert ( Art. 49 IV Genfer Konvention und das IGH Mauergutachten). Der Botschafter vertritt zudem einen Staat, der bis heute das völkerrechtlich verbürgte Recht palästinensischer Flüchtlinge auf Rückkehr nicht anerkennt.
  • Der Botschafter spricht für einen Staat, der sich nicht der Staatenverantwortlichkeit der Gaza Offensive 2008/2009 stellt. Hierbei ist insbesondere auf den Goldstone Report zu verweisen, der den israelischen Streifkräften vorwirft, während der Militäroperation in Gaza 2008/2009 gravierende Verstöße gegen die Genfer Konvention begangen zu haben.[2] Das umfasst zahlreiche, ernste Verstöße gegen internationales humanitäres Recht. Der Goldstone Report kommt zu dem Schluss, dass die israelischen Streitkräfte Handlungen begingen, die Kriegsverbrechen gleichkommen und möglicherweise Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen.
  • Der Botschafter legitimiert das Handeln eines Staates, der nicht-jüdische Bürgerinnen und Bürger weitreichend und systematisch diskriminiert. So halten beispielsweise alle israelische Universitäten an diskriminierenden und rassistischen Ausgrenzungspraktiken fest.[3] Damit werden vor allem palästinensische Bürger und Bürgerinnen Israels institutionell diskriminiert. Studierende, die dem israelischen Militär dienen, werden durch universitäre Programme privilegiert behandelt. Hierzu gehört auch die Tel Aviv University[4], deren ehemaliger Präsident und Rektor Yoram Dinstein ebenfalls als Redner von ELSA zur Konferenz eingeladen ist. Diskriminiert wird, wer nicht der israelischen Armee zugehörig ist, und damit nahezu die gesamte nicht-jüdische Bürgerschaft Israels.

Meinungsfreiheit ist für alle Vortragenden conditio sine qua non, und hat richtigerweise menschenrechtlichen Charakter. Aufgrund der Funktion des Redners als Staatsvertreters stellt sich die Frage, für welche Zwecke Meinungsfreiheit hier instrumentalisiert und missbraucht wird. Vor dem Hintergrund der oben dargestellten gravierenden völkerrechtlichen Verletzungen ist zu fragen, warum die European Law School Association mit dieser Einladung zur Normalisierung der Diskriminierungs- und Militärpolitiken des israelischen Staates beiträgt. Eine Konferenz zum Thema „Lösungsansätze im Nahostkonflikt“ kann Völker- und Menschenrecht als Referenz nicht umgehen. So erfordert eine Lösung des Konfliktes zum einen, dass sich die eingeladenen Redner und Rednerinnen das internationale Recht als Grundlage für die Debatte und politische Lösung nehmen.

Zum anderen ist zu fragen, welche Kompetenz und Legitimation der israelische Botschafter hinsichtlich rechtsstaatlicher Debatten besitzt – als Repräsentant eines Staates, in dem völkerrechtswidrige Verbrechen Normalität sind:

„Es ist eine Sache, die Genfer Konventionen und das humanitäre Völkerrecht zu kritisieren. Eine andere Sache ist es schon, diese Bestimmungen zu verletzen oder abzulehnen, […]. Einen entscheidenden Schritt weiter geht allerdings eine Regierung, die das humanitäre Völkerrecht und seine Verfechter zur Bedrohung für ihren Staat erklärt, die es systematisch zu bekämpfen gelte. Das aber ist die Haltung, die von der israelischen Regierung inzwischen fast routinemäßig vertreten wird. […]“[5]

Die Konferenz der ELSA ist kein Ort, der tatsächlich zu einer Lösung beitragen kann, vielmehr ist die Einladungsentscheidung an sich bereits die Prädisposition der Debatte. Sie spiegelt ein politisiertes Machtverhältnis und eine deutliche Positionierung der Veranstalter/innen jenseits des internationalen Rechts.

Der Boykott von akademischen Konferenzen, die das internationale Recht nicht als Maßstab nehmen, folgt dem Aufruf der überwiegenden Mehrheit der palästinensischen Zivilgesellschaft.[6] Die Tatsache, dass viele palästinensische Akademiker/innen an Ihrer Konferenz explizit nicht als Redner/innen teilnehmen, ist als Ausdruck des Protests ernst zu nehmen. In diesem Sinne ist eine öffentliche Positionierung der European Law School Association, auch gegenüber den Teilnehmenden und Gästen der Konferenz, ausstehend und notwendig.

Berlin Academic Boycott (BAB), Studierende und Forschende aus Berlin

bacademic.b@gmail.com

https://berlinacademicboycott.wordpress.com/

Berlin, 26.Juli 2010


[1] Internationale akademische und kulturelle Boykott Kampagnen, http://www.pacbi.org/einside.php?id=67 und www.alternativenews.org.

[2] Goldstone Report, 2009.

[3] Alternative Information Center (AIC), The Economy of Occupation, Academic Boycott of Israel and the Complicity of Israeli Academic Institutions in Occupation of Palestinian Territories, 2009. http://www.alternativenews.org/english/index.php/topics/economy-of-the-occupation/2223-the-economy-of-the-occupation-23-24-academic-boycott-of-israel

[4] SOAS Palestine Society Report: “Tel Aviv University part and parcel of the Israeli Occupation,” http://bdsmovement.net/?q=node/502; Adalah Legal Center for Arab Minority Rights in Israel. Education rights—Palestinian citizens of Israel, (2003), Shafa’amr, Israel; Tel Aviv University’s Age Restrictions Discriminate against Arab Students in Admission to its Medical School, www.adalah.org/newsletter/eng/jan08/4.php; Human Rights Watch. Second Class: Discrimination Against Palestinian Arab Children in Israel’s Schools (2001), www.hrw.org/reports/2001/israel2/;

Tel Aviv University is asked to acknowledge its past and to commemorate the Palestinian village on which grounds the university was built, www.zochrot.org/index.php?id=143;
[5] Keenan/ Weizman, Le Monde Diplomatique, 9. Juli 2010, http://www.monde-diplomatique.de/pm/2010/07/09.mondeText1.artikel,a0043.idx,12

[6] Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI), http://www.pacbi.org/

ELSA Frankfurt (Oder) Answer to the-BAB Open Letter:

BAB response to ELSA Frankfurt (Oder) Letter:

Dear European Law Students’ Association Frankfurt (Oder),

It is with much regret that we learn that you fail to read the main critique of our letter:

A conference claiming to respect international law cannot host a speaker legitimizing widespread, ongoing and systematic breaches of international law.

The Envoy of the State of Israel, by his very function as state representative of a country accused of war crimes and crimes against humanity as put forth in the 2009 report of the UN Fact-Finding Mission led by Judge Richard Goldstone and a multitude of international, Palestinian and Israeli human rights NGOs, will only reiterate official state policy that is in utmost breach of international law. The Israeli State and his Envoy are publicly refusing responsibility according to the Goldstone Report, the ICJ advisory opinion on the illegality of the Wall. Instead their policy is consistent in

· Denial of its responsibility for the Nakba — in particular the waves of ethnic cleansing and dispossession that created the Palestinian refugee problem — and therefore refusal to accept the inalienable rights of the refugees and displaced stipulated in and protected by international law;

· Military occupation and colonization of the West Bank (including East Jerusalem) and Gaza since 1967, in violation of international law and UN resolutions;

· The entrenched system of racial discrimination and segregation against the Palestinian citizens of Israel, which resembles the defunct apartheid system in South Africa.

With your invitation to the Envoy of the State of Israel to your law school conference, you are offering a state representative a forum to ‘normalize’ this entire system of state violations of international law.

A last minute addition to the title of Israeli envoy’s conference title to “Possible Reactions of a State of Law on Missile and Suicide Bombing Terror and the Shared Responsibility to Ensure Peace in the Region” does not address the criticism raised in any way. Instead your title addition is aiding in constructing a false symmetry between occupier and occupier where by definition there can be no such symmetry.

You claim that ELSA is “a non-political association”. It is as exactly as such that we are expecting ELSA not to take political decision based on hegemonic contexts but on the basis of international law.

Instead, ELSA lends itself to be instrumentalized as a platform for state propaganda, from either side. Inviting a representative of the Palestinian General Delegation who bears no democratic legitimacy does not undo the wrongs of inviting the Envoy of the State of Israel.

Again, you are missing the point when you are aiming at a “balanced” view, and “a critical dispute and dialogue” as a way to solve the conflict. Conferences involving Palestinians and Israelis that promote “balance” between the “two sides” in presenting their respective narratives, as if on par, or are otherwise based on the false premise that the colonizers and the colonized, the oppressors and the oppressed, are equally responsible for the “conflict”, are intentionally deceptive, intellectually dishonest and morally reprehensible. Such events and projects, often seeking to encourage dialogue or “reconciliation between the two sides” without realizing the requirements of justice and international law, promote the ‘normalization’ of oppression and injustice. All such conferences, events and projects that bring Palestinians and Israelis together, unless framed within the explicit context of opposition to occupation and other forms of Israeli oppression of the Palestinians, do not contribute to any form of conflict solving. Instead, your reference point has to be the respect for international law which includes an end to Israel’s criminal impunity and decade long disregard for international law.

Referring to your audience as critical enough to discern the points raised, you are falsely redirecting your very own responsibility as conference organizers to your audience. It is ELSA Frankfurt/Oder that is responsible for the invitation policy of this conference, not your audience.

Berlin Campaign for the Academic Boycott of Israel (BAB) is a growing group of multi-national and multi-confessional scholars and students in Berlin, and part of an international campaign (PACBI). As many organizations acting against sanctioning hegemonic frames we decided not to sign by name. This would unduly distract from the arguments of our concern to our personalities.

Berlin Campaign for the Academic Boycott of Israel (BAB)

Berlin, August 6, 2010

https://berlinacademicboycott.wordpress.com/

bacademicb@gmail.com

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